Die Küche als Raum, in dem Ästhetik auf Wissen trifft

Ursus di Duilio Forte @Stanze. Altre filosofie dell’abitare (Triennale Design Museum).

Geschichten, die das Tor zu einem unerwarteten Multiversum aufstoßen: Der Raum in der Küche wird zum Portal in eine Welt der Vorstellungskraft, des Geschichtenerzählens und der Traditionen. So fühlt man sich, wenn man die Welt von Ursus betrifft: Die älteste aller skandinavischen Legenden erwacht zum Leben, in einem (Lebens-)Raum, der im Innern eines gewaltigen hölzernen Bären entstanden ist. Ein kleiner Rückzugsort, dessen zentrale Themen Lebensmittel und Geselligkeit sind, daneben tierähnliche Skulpturen mit mythologischen Verweisen.

Duilio Forte, ein schwedisch-italienischer Architekt und Künstler, hat auf die Einladung zur Teilnahme an „Stanze. Altre filosofie dell'abitare“ (RÄUME. Neuartige Lebenskonzepte, kuratiert von Beppe Finessi) reagiert und ein Werk geschaffen, das direkt einem gotischen Märchen entsprungen zu sein scheint; bereit, von Kopf bis Tatze erkundet zu werden. Die Ausstellung ist bis zum 12. September 2016 im Triennale Design Museum Mailand für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie reflektiert Innenarchitektur und alltägliches Leben. Der Weg führt durch elf Räume, die von den Großen des italienischen Designs gestaltet wurden: Alessandro Mendini, Andrea Anastasio, Manolo De Giorgi, Duilio Forte, Marta Laudani e Marco Romanelli, Lazzarini Pickering Architetti, Francesco Librizzi, Fabio Novembre, Carlo Ratti Associati, Umberto Riva und Elisabetta Terragni.

Die beteiligten Talente stammen aus verschiedenen Generationen und weisen unterschiedliche Geschichten auf. Und so setzen sie auch auf verschiedenartige Projektansätze. Sie alle wurden aufgefordert, einen eigenen „Raum“ auf der Grundlage ihres individuellen „Konzepts zur Lebensführung“ zu erschaffen. Jedem Designer wurde dann einer der großen, zeitgenössischen Vordenker zugewiesen: Der Philosoph Francesco M. Cataluccio hat relevante literarische und philosophische Texte für jedes Projekt ausgewählt, um den Boden für neue Reflexionen zu bereiten.

So ist zum Beispiel der Kultroman der 1980er, Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, mit dem Eierraum von Fabio Novembre verknüpft. „Existenz und die Entscheidungen, die jeder von uns kurz- oder langfristig trifft, sind, so Kundera, vollkommen irrelevant: Genau hier liegt die Leichtigkeit. Das Einzige, was die Menschheit über das Sein sagen können sollte, um ihm eine Bedeutung zu verleihen, ist, dass es eine Notwendigkeit sei … Der von Fabio Novembre gestaltete Raum ist eine Art Kopf, der die Architektur notwendigerweise und auf ironische Art mit den Formen des Körpers und den Raum mit dem Kopf verknüpft, diesem perfekt bewohnbaren Hohlraum. (Francesco M. Cataluccio)

Andererseits ist Ursus, das Werk von Duilio Forte, mit jenen Denkern verbunden, die über die Neuentdeckung des konkreten Handelns nachdenken, das typisch für Krisenzeiten ist. Die Grundlage der Denker, die mit Ursus verknüpft sind, sorgt für einen Moment der breitgefächerten Reflexion über einige der großen Probleme des modernen Lebens. In Handwerk vermittelt und verherrlicht der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Bild des Handwerkers als Arbeiter, der Zufriedenheit aus der Suche nach dem nahezu perfekten Werk durch kunstfertige und fachlich einwandfreie Handarbeit schöpft. In Futuro artigiano ermahnt Stefano Micelli vorsichtig, dass neue Fertigungstechniken wie 3D-Drucker eine mögliche Bedrohung für den menschlichen Beitrag in der Herstellung darstellen. In Makers: Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution argumentiert Chris Anderson, dass die brillantesten Erfinder die Welt der industriellen Fertigung auf den Kopf stellen, indem sie ihre eigenen Schöpfungen mithilfe des Internets und neuer Technologien selbst herstellen und vertreiben. Diese Reflexionen entsprechen der Vision von Duilio Forte perfekt, wenn er Handwerkskunst und Fantasie zu gleichen Teilen in seinem Werk vermengt.

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Stanze. Altre filosofie dell’abitare/XXI Triennale International Exhibition/ Duilio Forte/foto di Andrea Martiradonna

In seiner mysteriösen Kombination aus Studier- und Wohnzimmer, dem AtelierForte, bewohnt von gewaltigen Drachen, Dinosauriern und dem mythischen achtbeinigen Ross Sleipnir, spannt Duilio Forte den Bogen von Landschaftsgestaltung über Architektur und Bildhauerei bis zu Design und Video, erschafft Projekte und fertigt Objekte mit seinen eigenen Händen, die alle einen klaren Bezug zur nordischen Mythologie aufweisen. Der Raum Ursus trägt den Stempel dieser mannigfaltigen visionären Fähigkeit. Inspiriert von den wilden Bären in den Wäldern und auf den Eisschollen des weiten, eisigen Nordens ist das Innere von vielen Objekten, Skulpturen, Büchern und Bildern geradezu bevölkert, die mit der skandinavischen Welt, der skandinavischen Mythologie und skandinavischen Reisen eng verwoben sind. Skulpturen vom Zwerg Fafnir, vom legendären Odinsross Sleipnir, von Odins Raben Hugin und Munin – das sind nur einige der Arbeiten, die den großen Bären bewohnen.

Im Kopf und Eingang von Ursus befindet sich eine Sauna zur Säuberung von Körper und Geist. Von dort geht es weiter in den Hauptraum, den Körper, der sich über zwei Ebenen erstreckt: zwei kleine Bäder unten und ein Bett darüber. Der zentrale Raum ist der Geselligkeit gewidmet. Hier steht in der Mitte der Küche ein langer, tierähnlicher Holztisch. Er ist der Mittelpunkt des Lebensraums, ein Ort zum Entspannen und für die Gemeinsamkeit, für geselliges Zusammensein am Tisch mit seinen Keramiktellern, dem Geschirr und den Kerzen. Die Umgebung und Atmosphäre wird insgesamt noch surrealer durch die tierförmigen Eisenskulpturen, die über dem Tisch schweben. Töpferwaren und Flaschen hängen in ihren Pfoten und Tatzen. Sie schweben in der Luft dieses Raums, in dem die Grenze zwischen Realität und Fantasie verwischt. Und wenn wir ehrlich sind, sollte sich doch in jeder Küche ein solcher archetypischer Raum befinden, in dem Ursus die reine Natur des Zusammenkunftsortes hervorhebt und unterstreicht, diesen Mittelpunkt des Heims: Hier ist der Ort für Gespräche, für Essen und Trinken, für den Austausch von Meinungen, die Freuden des Lebens und Kontemplation. Ein Raum, der – so er denn in geeigneter Weise bewohnt und genossen wird – als Heimstatt für Ästhetik und Wissen dient.

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